Kurzbiografie Christian Eisenberger


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Vietnam Scene von Christian Eisenberger: Eine Installation im öffentlichen Raum


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OPEN UP KOMMUNIKATION

KünstlerInnen machen Öffentlichkeitsarbeit(en) für das TQW

September / Oktober 2008: Christian Eisenberger
 
"Ich denke viel über die Grenzen der Kunstwelt nach. Ich will mit den Menschen in der Stadt, draußen in der Öffentlichkeit, in Kontakt treten. Diese Kommunikation betreibe ich über meine Kunst".                                
                                                    (Christian Eisenberger)


Christian Eisenbergers Anspruch steht stellvertretend für die Motivation des Tanzquartier Wien, die OPEN UP - SAISON 2008/2009 von bildenden KünstlerInnen kommunizieren zu lassen.
Eisenberger gestaltet ab Herbst 2008 als erster von fünf bildenden KünstlerInnen für zwei Monate die Öffentlichkeitsarbeit für das TQW und verzichtet für die Gestaltung von Drucksorten und seiner Interventionen im öffentlichen Raum bewusst auf eine einheitliche "Werbelinie". Vielmehr gleicht keines der 1500 Plakate, die in den Monaten September und Oktober im Stadtraum verbreitet werden, dem anderen. Jedes Exemplar wurde von Eisenberger persönlich als Holzdruck von Hand hergestellt.

Seit er vor einigen Jahren begonnen hatte Verpackungsmaterial, Holzreste, Klebeband und Fotokopien  - für Eisenberger: "Wegwerfprodukte der Konsumgesellschaft" -  zu Pappfiguren und anderen Kunst-Installationen zu verarbeiten und an öffentlichen Plätzen der Stadt aufzustellen, weiß Eisenberger nur zu genau, wie man mit geringen Mitteln, persönlichem Einsatz und dem geschickten Spiel um Geheimnis und Anonymität in der Großstadt für Gesprächsstoff sorgt. Entsprechend kryptisch verweisen die groben Sprechblasen auf den Plakaten auf die kommende OPEN UP SAISON des TQW: "Wohin geht´s denn?" – "Das wirst Du schon sehen!"

Eisenbergers Kommunikationsinitiative für das Tanzquartier Wien ist durch Irritationen und Verweise im Stadtbild sowie eine schier unendliche Bildproduktion gekennzeichnet, die zu einem fokusierten Blick über den eigenen Tellerrand herausfordert.

Auf dem ersten Flyer für die OPEN UP SAISON 2008/09 des Tanzquartier Wien steht Eisenberger mit beiden Beinen in einer Ameisenstraße und beobachtet von oben, wie sich die gewohnten Bahnen der Ameisenzivilisation neu zu ordnen beginnen.
Ein Schelm, wer an die Insektenmotive der letzten TQW - Kampagne denkt…
Immer wieder konfrontiert Eisenberger die Ordnungen der Großstadt mit Ordnungen der Natur. Die chinesische Mauer, das World-Trade-Center und Peter Eisenmans Holocaust-Mahnmal hat Eisenberger in den letzten Jahren aus Zuckerstücken nachgebildet und den steirischen Waldameisen seiner Heimat überantwortet.

Die Stadt mit der Natur auf Konfrontationskurs zu bringen, ist eine von vielen Gegensätzen, die Eisenbergers Arbeit kennzeichnen. Ein überdimensionaler Bettelbrief eines Obdachlosen erinnert auf dem großen Plakat am Portikus im Haupthof des Museumsquartiers an das Tanzquartier Wien als Dach für zeitgenössische Künstler und KünstlerInnen, und ruft mit Frage nach prekärer Existenz auch jene in Erinnerung, die im schicken Innenhof nicht anzutreffen sind.

Für Eisenberger (sowie für das TQW) gilt es nicht, den schönen Schein der Kunst zu wahren, sondern ein klares Sensorium für die Bedingungen unserer Gegenwart zu entwickeln. Mit seinen vielschichtigen Interventionen im Stadtraum spricht Eisenberger ein urbanes Publikum an, das durch Verführungen des Konsumalltags, den gleichzeitigen Zwang sich selbst darin zu vermarkten und den schwindenden Grenzen zwischen Privat- und Berufsleben längst zu "kognitivem Multitasking" gezwungen ist. Mit "Low Tech-Strategien" und unermüdlichem Arbeitseinsatz liefert - und fordert - Eisenberger eine eigenständige Haltung, die dem urbanen Überangebot eine kritische Meta-Rezeption abverlangt.

Als teilnehmender Beobachter verstrickt sich Eisenberger selbst in den Bedingungen der Großstadt, um durch seine Arbeiten neuen Boden unter den Füßen zu gewinnen. In seinen Videos für die Screenings im Foyer der TQW / Bühne (MQ, Halle E + G) und im Foyer der TQW / Studios und bei den Infoscreen-ings in den Wiener U-Bahn Stationen, transferiert Eisenberger Bilder aus seiner steirischen Heimat in die kühle Architektur im Museumsquartier. Der Künstler lässt eine Kamera an der langen Leine um sich selbst kreisen und stürzt sich - die Kamera stets vor dem Gesicht - einen Abhang hinunter, als wolle er seine Medialisierung im Strudel der Bilder am eigenen Körper zu spüren bekommen.
Mit einer Vietnam Scene, die Eisenberger anläßlich des (Precise) Woodstock of Thinking zur Saisoneröffnung an verschiedenen Plätzen in Wien aufstellt, bietet Eisenberger einem Zufallspublikum im öffentlichen Raum die Möglichkeit, selbst in ein Medienbild zu treten. Mit lebensgroßen Figuren schreiender Kinder und Soldaten, die vor einem Napalmangriff flüchten, aktualisiert Eisenberger eine Kriegsaufnahme der Vergangenheit als begehbares Panorama mitten im Stadtraum der Gegenwart.

Ohne den moralischen Zeigefinger zu erheben, macht Eisenberger die Ambivalenz seiner eigenen Rolle als Künstler mit Kommunikationsauftrag, aber auch des Tanzquartier Wien als Zentrum für zeitgenössischen Tanz und Performance deutlich: Zugleich Ursache, aber auch mögliches Gegenmittel für die zunehmend komplexeren Medien- und Bühnenwelten der Gegenwart zu sein.


KuratorInnen: Marlene Ropac & eSeL
Projektorganisation: Nils Jürgenssen

Courtesy: Projektraum Victor Bucher, Galerie Konzett